Liner Notes

Josef Aigner
Festgemacht an lokalgeschichtlichen Ereignissen, an rohen Wackelbildern, am Stil und Sprachduktus wie darüber berichtet wird, werden sie wieder lebendig: die Prüderie, die Moral, die Häme, die Unterwürfigkeit, der naive, blinde Zukunfts- und Technikglaube, die Tabus, aber auch der Pioniergeist und die moderne Begeisterung. Herausgekommen ist ein Kunstfilm, in dem die teils lustigen, teils beklemmenden Materialien schräg montiert und kurios in Beziehung zueinander gesetzt werden. Das Verblüffende, das Skurrile, das Altvatterische, die Ruckel-Ästhetik der Amateuraufnahmen, die biederen, provinziellen Sujets lassen ein Gefühl für eine ländliche Gesellschaft entstehen, in der das Jahr 1968 zehn Jahre danach immer noch auf sich warten lässt oder bestenfalls als weit entfernte Episode mit ein paar bedrohlichen Auswirkungen erlebt wird.
Die „Beat-Kultur“ der Langhaarigen und „Gammler“ wird mit Argwohn und Häme überzogen.iphone 5s remplacement écran Begriffe der Jugendkultur werden mit unüberhörbaren Anführungszeichen ausgesprochen. Hier urteilt eine Generation, deren Ältere es noch mit dem Volksfeind, mit generalstabsmäßiger Denunziation zu tun hatten.
Die kleinstädtischen Honoratioren werden hofiert und kritiklos verehrt. Die Inszenierungen ländlicher Feste haben etwa Operettenhaftes. Wüste Kriminalfälle, dargeboten in Wechselbädern aus Pathos, kühlem Polizeiberichts-Stil undmoralinsaurer Vorverurteilung, sind ein besonders spannender Teil der „Inneren Blutungen“. Sie sind quasi die äußeren Blutungen einer innerlich noch immer arg verwundeten Gesellschaft.
Persönlichkeitsrechte wie Unschuldsvermutung oder Opferschutz gibt es noch nicht. Der Zuhörer ist fassungslos wie Zeitungsberichte die Identität Verdächtiger oder die von Opfern preisgeben und die letztgenannten damit praktisch ein zweites Mal verletzen oder vergewaltigen. Die Filmkünstler haben auch ein paar Zuckerl auspapierlt, kurze Sequenzen, in denen die biederen salzkammerguten Dokumentarfilmer der siebziger Jahre der Spieltrieb überkommt, in denen sie Balgereien filmen oder Kinder, die sich mit Ofenruss die Gesichter einschmieren. Humor zeigen die Filmemacher, wenn sie dazu den Sprecher Kosmetikwerbung anno 1970 vorlesen lassen…
Josef Aigner war lange Jahre Redakteur bei der “Salzkammergutzeitung”.

Anatol Bogendorfer

Florian Sedmak
Die Fotoalben meiner Familie waren ein Faszinosum, das meine Kindheit und Jugend begleitete. Immer wieder blätterte ich darin und (re)konstruierte so Geschichte. Als ich erwachsen wurde, begann mich das zu interessieren, was mein Vater damals unabsichtlich mitfotografiert hatte: Geschäfte, die es nicht mehr gibt; Mode, die schon die dritte Retrowelle durchläuft; Autos, die nicht mehr gebaut werden; die ärmlich wirkenden Interieurs der 1970er und frühen 1980er Jahre. Die Faszination für die Fotos und ihr bizarres Farbspiel erwachte neu, und damit die Faszination für die – was das Äußerliche betrifft – untergegangene Welt der 1970er Jahre in der oberösterreichischen Provinz. Also für die Zeit und den Raum, aus dem ich komme. Etwas in mir entwickelte den Wunsch, einen langen Blick in die Jahre vor und nach meiner Geburt zu werfen.
Ich begann, gleichaltrige Freunde und Bekannte um Bildspenden zu bitten und versenkte mich in die Regionalzeitungsausgaben der Jahrgänge von 1965 bis 1975. Dabei entdeckte ich einen Schatz: die von Pathos triefende Sprache eines Mediums, das sich als moralische und intellektuelle Instanz verstand und in dem verhinderte Dichter und Denker den Redakteur gaben.
Das Resultat ihrer Bemühungen wirkt heute unfreiwillig komisch bis grotesk. Ein Manifest eines autoritären Zeitgeistes, in den Worten von Karl Kraus “bis zur Kenntlichkeit entstellt.”
Hunderte Stunden lang saß ich im Archiv der Stadt Bad Ischl, exzerpierte an die 200 Typoskriptseiten aus vergilbten Zeitungsausgaben und weidete mich an der Sprache wie auch an den oft schier unglaublichen Begebenheiten. Ich entdeckte eine Ära voller Widersprüche, voller Ängste, aber auch voller Unbekümmertheit und Freiräume, die es so heute nicht mehr gibt, weil alles bis ins Kleinste reglementiert ist. Eine Gesellschaft, die sich bereitwillig den in Devisen zahlenden Touristen verkaufte und gleichzeitig den “Gastarbeiter”, das fremde Wesen, als Billiglohnkraft missbrauchte und ihn dabei beargwöhnte. Die naiv fortschrittsgläubig war, dabei sentimental und ungemein brutal.